Vivid Curls

AUF DER SANFTEN JAGD NACH DEM GLÜCK

Es ist vollbracht, endlich: Nach einigen Umwegen in den vergangenen zwölf Jahren ihrer Existenz legen Inka Kuchler und Irene Schindele, der Öffentlichkeit längst als Vivid Curls ein Begriff, mit „Jäger der Glückseligkeit” genau das Album vor, das sie immer schon einspielen wollten. Es ist das erstaunliche Ergebnis einer erstaunlichen Karriere. „Ja, wir sind musikalisch angekommen mit dieser Platte”, freut Inka sich, um zufrieden hinzuzufügen: „Endlich passen sämtliche Umstände. Wir sind im Moment dankbar und glücklich, dass vieles so ist wie es ist. Wir haben Entscheidungen getroffen die für uns im Moment die Richtigen sind. Wir schätzen es sehr diesen Weg gehen zu dürfen, wir haben gesät und sind nun gespannt auf das was noch kommen wird.”

Die Vivid Curls, die „musikalischen Botschafterinnen des Allgäus”, wie sie vom „Landsberger Tagblatt” beinahe ehrfürchtig tituliert wurden – wir reflektieren: Obwohl Inka und Irene beide in einem überschaubaren Ort namens Wiggensbach, einem Dorf bei Kempten, aufwuchsen, sind die beiden wild gelockten Schönheiten sich erst im Jahr 2002 durch Zufall beim heimischen Fußballverein begegnet. Im Ort wurden sie wegen der Ähnlichkeit ihrer äußeren Erscheinung gerne mal mit dem Namen der Anderen angesprochen – „da war klar”, feixt Irene, „dass wir uns eines Tages zwangsläufig über den Weg laufen mussten.”

Keine Frage, dass die ständige Verwechslung im Dorf das erste Thema bei der ersten Begegnung war. „Doch nachdem wir darüber einige Witze gerissen hatten”, klärt Irene auf, „haben wir uns ganz schnell über unsere gemeinsame Leidenschaft – die Musik – verständigt.” Inka fügt hinzu: „Wir waren uns vom ersten Tag an sympathisch. Heute sind wir die besten Freundinnen, obwohl wir mittlerweile mit unseren Familien in unterschiedlichen Orten leben und vom Charakter her recht unterschiedlich sind. Doch da herrscht eine Innigkeit zwischen uns, die manchmal geradezu erschreckend ist. Wir stehen jedenfalls vollkommen hinter der jeweils Anderen.”
Beste Voraussetzung, um ein gemeinsames Projekt in Angriff zu nehmen – bedingungslose Freundschaft, gepaart mit hohem kreativem Talent, hat schon immer die spannendsten Kultur-Blüten hervor gebracht. Und bereits im Jahr ihrer ersten Begegnung hatten sich die beiden Wirbelwinde darauf geeinigt, zusammen Musik machen zu wollen, zunächst im Rahmen eines Duos. Man probte und fühlte sich nach wenigen Monaten derart in der gemeinsamen Arbeit verankert, dass die zwei Frauen im Rahmen eines Urlaubs quer durch Europa reisen und Straßenmusik machen wollten. Der Plan zerschlug sich, als die „Curls” bereits im Februar 2003 das erste Angebot für einen Auftritt vorliegen hatten. Dieser vermittelte ihnen derart viel Freude und Selbstbewusstsein, dass die erste Gage sowie sämtliche Ersparnisse der Beiden nicht in Urlaub, sondern in eine eigene Musikanlage investiert wurde. „Dieser Schritt war für uns ein symbolischer”, erklärt Inka. „Wir hatten dadurch beschlossen, unseren kreativen Weg ab sofort gemeinsam zu gehen.”
Fortan war Proben angesagt, Konzerte spielen, ins Studio gehen und Platten aufnehmen, eine Band gründen, Auftritte mit dieser sowie weiterhin im Duo zu absolvieren. Wie viel Aufregung und dabei Spaß an der Freude! Natürlich gab es Aufs und Abs im Laufe dieser ein Dutzend Jahre dauernden Karriere. „Doch jetzt liegt ‘Jäger der Glückseligkeit’ vor, das neue Werk”, bemerkt Inka mit fester Stimme. „Das ist die Quintessenz aus all den gemeinsamen Erlebnissen, aus den gemeinsamen Alben. Dank unserer Ehemänner und unserer Kinder sind wir geerdet, wir sind viel besser organisiert als früher, besitzen auch ein inneres Wissen, dem wir heute mehr als noch vor einigen Jahren vertrauen und folgen. Und die Band, mit der wir aktuell spielen, beherbergt genau die richtigen Leute.”
Unter diesen prächtigen Umständen entstand „Jäger der Glückseligkeit”. „Der Entstehungsprozess dieser Platte war äußerst abwechslungsreich”, erinnert sich Irene, „wobei wir als Gruppe nie zusammen im Studio gearbeitet haben. Inka und ich, wir haben uns Equipment gekauft. Dadurch konnten wir unsere Gesangsspuren im heimischen Wohnzimmer bereits vorproduzieren.”
Der bedeutungsschwere Albumtitel stellte sich im Laufe des Produktionsprozesses ein. „Glück ist für uns ein gewichtiges Wort”, meint Inka. „Mit dem Titel wollen wir der Außenwelt vermitteln, was wir darunter verstehen. Für uns hat Glück sehr viel mit innerer Balance zu tun, genauso mit Verzicht, mit Demut, mit Bescheidenheit. Und auch familiäre Werte haben für uns unmittelbar damit zu tun.”
Glück war es für die Vivid Curls auch, dass die Hälfte der zwölf Lieder auf ihrem aktuellen Werk bereits ältere, schon veröffentlichte sind, die allerdings jetzt, so Irene, „in exakt dem musikalischen Gewand stecken, in dem sie stecken sollten. Wir haben sie neu arrangiert, neu aufgenommen, entschlackt. Gepaart mit den sechs brandneuen Stücken ergibt das Ganze nun eine homogene Einheit. Wir sind ab sofort auf Neustart, ohne unsere Wurzeln zu verleugnen.”
Neustart bedeutet bei den Allgäuer Amazonen auch, dass fortan nur noch das gemacht wird, woran sie fest glauben. Etliche der Songs sind weiterhin im Allgäuer Dialekt, wofür die „Curls” speziell in ihrer Heimat zum Markenzeichen wurden. „Aber wir lassen uns nicht davon abbringen, mal ein Lied auf Hochdeutsch oder sogar Englisch zu singen, wenn wir das für notwendig halten”, beharrt Irene. „Wir wollen uns einfach niemals verbiegen.“ Was dazu führt, dass die Vivid Curls in ihren Texten auch sozialkritische Themen wie etwa die G 8-Schulreform unverblümt angehen.
„Wir schreiben Texte über Themen, die uns bewegen – die gehen nicht unbedingt ins Politische”, sagt Irene, „aber manchmal regen wir uns über gesellschaftliche Themen dermaßen auf, dass wir darüber etwas schreiben. Für uns ist das nicht politisch – sondern menschlich.” Als Plattform dient dafür immer noch eine ein mal leidenschaftlicher, mal sehnsüchtiger Mix aus Folk, Traditionellem und vor allem Pop im besten Sinne des Wortes. Tja, jetzt, wo man offensichtlich auf der richtigen Straße wandert, die einen schnurstracks zur eigenen Bestimmung führt – wie geht es weiter in der Vivid Curls-Zukunft? „Es ist ganz einfach und so wie immer”, lacht Irene: „Wenn einen die Musen küssen wollen, sollte man diesen Küssen definitiv nicht ausweichen.”

von: MICHAEL FUCHS-GAMBÖCK